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Der glückselige Kaufherr

Aus der Reihe: Die etwas andere Weihnachtsgeschichte:


»Der glückselige Kaufherr«

(von Gerd Erich Gmelin)

Wie immer um die Weihnachtszeit wanderte auch in jenem Jahr unser Herr Jesus unerkannt in der Welt, um nach seinen Schafen zu sehen. Den Muslimen begegnete er als Beduine, den Indern als Sannyasin, den Indianern als einfacher Krieger eines unbekannten Stammes und hier bei uns als Handwerksbursche, der nichts weiter bei sich trug als das, was er benötigte. Für ihn war es das schönste Geschenk, wenn er sah, dass seine Gotteskinder so recht, wie es jeder konnte, seine Botschaft der Liebe verstanden hatten und aus dieser unerschöpflichen Quelle allen gaben, die des Weges kamen und ums Herz froren. Eine noch größere Freude aber war es ihm, wenn er einem Menschen den Weg zu dieser Quelle zeigen konnte und erleben durfte, wie dem Sauertopf seine Säuernis, dem Neidhammel sein giftiger Dunst, dem Habgierigen seine Goldlast und dem gottverdammten Habenichts seine Nichtigkeit aus dem Herzen hinweggespült wurde, wenn nur erst einmal die innerste aller Quellen munter sprudelte.

So wanderte er in der Heiligen Nacht einen tiefgründigen Weg dahin und ließ sich vom unergründlichen Ratschluss des Vaters leiten. Es war schon früh finster geworden. Aus den Kaminen der fernen Häuser rauchten die Holzfeuer und ein rötlicher Widerschein ließ den Dampf in der Nacht leuchten. Manche Häuser aber waren dunkel, kein Feuer brannte darin und die Scheiben waren ganz vereist. Unser göttlicher Wanderer wusste sehr wohl, dass auch darin Menschen beieinandersaßen und sich, in ihre dünnen Decken gewickelt, ganz eng zusammenkauerten, um einander zu wärmen. Mit seinen feinen Ohren hörte er hier und dort ein Schluchzen, aber auch ein glückliches »wie gut, dass wir einander haben«. Nichts in der Welt wärmt nämlich so sehr wie zwei Menschenherzen, die einander vom tiefsten Grund her lieb haben.

Als er durch ein Wäldchen hindurch auf eine Anhöhe kam, hörte er von weitem schon ein Ächzen, begleitet von einem kurzatmigen Schimpfen. Ein Fuhrwerk war auf dem ansteigenden Weg in den Schneewächten steckengeblieben. Es gehörte einem Kaufherrn, der auf dem späten Rückweg in sein Haus war. Zwei Rappen hatte er vorgespannt, die hatten das ganze Jahr über nichts getan als den Wagen zu ziehen, das Heu war mager gewesen und das eine oder andere Haferkorn hatte es höchstens einmal in der Woche gegeben, wenn ein mitleidiger Bauersmann aus der Nachbarschaft am frühen Morgen die Spreu vom Drusch bei ihnen ließ. Dann schlief der Kaufherr nämlich noch und wenn er erwachte, hatten seine Rappen alles fein säuberlich verzehrt, so dass er den Bauern nicht mit seiner eifersüchtigen Wut überschütten konnte. Nun waren sie mit ihrer Kraft fast am Ende, und es war ein Glück, dass der Kaufherr - er hieß in der Gegend nur der reiche Andreas - so behäbig und ungelenk geworden war, dass seine Peitschenhiebe eher symbolischen Charakter hatten als dass sie schmerzen konnten.

Der Wagen saß bis zu den Achsen fest, da war nichts zu machen. Er war aber auch derart beladen, wie wenn Andreas sein ganzes Hab und Gut aufgelegt hätte und auf der Flucht vor kriegerischen Horden wäre. Dabei kam er nur von seiner Rundreise, die er jedes Jahr gegen Weihnachten machte, um hie und da den Zins einzutreiben, dort einen versprochenen Lohn abzuholen und überhaupt dafür zu sorgen, dass zum Neujahrstag seine Bücher die richtigen Zahlen aufwiesen. Von nichts kommt nichts! Da nun die wenigsten seiner Schuldner selbst etwas hatten, geschweige denn ein Übriges, musste er sich notgedungen an dem schadlos halten, was nun mal vorhanden war. Bei den einen war's das Essen, was sie sich mühsam aufgespart hatten, damit wenigstens am Weihnachtstag endlich alle einmal satt würden, beim anderen war es der einzige Mantel, den die Eltern und Kinder reihum anzogen, bis ihnen wieder leidlich warm war, beim dritten der Kupferkessel, in dem sie ihre Suppe wärmten, das Baby badeten, den Brotteig gehen ließen. So war der Wagen schließlich über alle Maßen beladen und es war kein Wunder, dass er so hoffnungslos steckengeblieben war.

All das sah und wusste unser Herr Jesus, als er endlich das unglückselige Gespann erreichte. Den Rappen stand der Schweiß auf den Flanken, dem kurzatmigen Kutscher auf der Stirn. Neben ihm lag auf dem Kutschbock seine Schuldnerliste, die er zeitlebens säuberlich geführt hatte - ein wahrlich gewaltiges Werk! Doch was nützte sie ihm in dieser Lage? Gar nichts! Andreas hörte durch sein eigenes Schnaufen hindurch das leise Knirschen der geflochtenen Strohschuhe unseres weihnachtlichen Wanderers im Schnee. »Wer da?« rief er in die Dunkelheit hinaus. »Gott zum Gruß, Andreas«, antwortete der Wanderer. »Wie bist Du nur in diese verzweifelte Lage gekommen?« »Wer bist Du, dass Du meinen Namen kennst?«, fragte misstrauisch der Dicke. »Ich bin nur ein Wanderer von hier nach dort, und wo ich vorbeikam, habe ich von Dir reden hören. So dachte ich, das muss Andreas sein, als ich Dich hier stecken sah.« »Hilf mir lieber, als dummes Zeug zu schwätzen, wenn Du schon mal da bist. Nimm meine Peitsche und geb den Gäulen Zunder, dass es kracht!« Und er warf die Peitsche vom Wagen herab gerade vor die Füße von Jesus hin. Der hob sie still auf, und wie er sie in Händen hielt, blühte aus dem Stecken ein saftiger Busch auf, den gab er den Pferden zu fressen. Andreas aber sah es nicht, denn es war gar so finster an diesem Ort.

»Was ist?« herrschte er Jesus an. »Warum schlägst Du nicht zu?« »Davon bekommen Deine Pferde ihre Kraft nicht wieder. Du musst sie füttern.« »Ich habe nichts dabei, was sie fressen könnten.« »Doch, Andreas, es ist etwas auf Deinem Wagen, was voll von Deinem Herzblut ist, daran finden sie genug Kraft und Nahrung.« Und Jesus deutete auf das Schuldnerbuch oben auf dem Kutschbock. »Bist Du verrückt?«, schimpfte da Andreas, »da steht doch alles drin, das kann ich niemals opfern.« »Nun,« sprach Jesus, »dann wirst Du hierbleiben müssen und schließlich erfrieren, denn keiner wird Dir helfen wollen, so wie Du auch keinem geholfen hast. Mehr will ich nicht sagen, das andere weißt Du im Herzen schon selbst. Vor allem, steig erst einmal von Deinem hohen Kutschbock herab und laufe auf Deinen eigenen zwei Beinen. So schwer wie Du bist, kommen die Pferde ja überhaupt nicht vom Fleck.« Das sah Andreas ein und ließ sich schwerfällig vom Wagen plumpsen. Da nahm Jesus das Schuldnerbuch, reichte es dem zeternden Andreas und sagte: »Such ein Blatt heraus, was nur noch geringen Wert für Dich hat, und lass uns einen Versuch damit machen.« Andreas, der sich schon als Eisklotz sah, willigte schließlich ein und riss ein ganz altes Blatt heraus, was er selbst schon Jahre nicht mehr betrachtet hatte. Damals war er aber noch viel jünger und kräftiger gewesen, und so steckte viel Kraft darin. Unter Tränen - oh Wunder - riss Andreas das Blatt heraus und warf es den Pferden vor. Es waren die ersten Tränen, soweit er zurückdenken konnte, und ihm wurde auf einmal so leicht ums Herz, dass ein tief verborgenes Lachen von Ferne in seine Kehle heraufgluckste. Zu seiner Verwunderung fraß der eine Rappe sofort das alte Pergament auf. Ein Schauern ging durch seinen Leib, er richtet sich wieder hoch auf und begann zu ziehen. Der Wagen ächzte, das war schon etwas, aber es war nicht genug, um vom Fleck zu kommen. Neugierig geworden, riss Andreas noch ein Blatt heraus, was auch sogleich verzehrt wurde. Er lachte hell auf, vergaß darüber das ganze Schuldnerbuch, riss nun Seite um Seite heraus - auch die neuen, die noch nicht abgehakt waren - und verfütterte so schließlich sein gesamtes »Lebenswerk«.

Die Pferde standen nun in voller Kraft und scharrten mit den Hufen im gefrorenen Schnee. Da sprang unser heiliger Wanderer auf den Kutschbock, half Andreas auf der anderen Seite hinauf, griff in die Zügel, und mit ho, hü, hott ging es erst langsam, dann immer schneller den Berg hinauf, und als sie oben waren, lief alles wie von selbst und der Wagen rollte leicht durch die Winternacht. Andreas war's ganz weich um's Herz geworden. Auf der langen Fahrt sprachen die beiden über vieles, auch über die verborgenen Dinge, über das Gold, das Andreas suchte und in nimmersatter Raffgier in den Dingen dieser Welt erhofft hatte zu finden. Und über den goldenen ewigen Quell, der aus dem Herzen kommt und der nimmer aufhören will, wenn man ihn nur recht fließen lässt.

Andreas, der glückselige Kaufherr, fand ganz neue Wege, und viele Menschen kamen zu ihm, von dem Quellwasser mitzunehmen, das unser Herr Jesus in ihm hat entspringen lassen.

Lasst es uns ebenso tun, liebe Freunde, und lasst uns die ganze Welt vergolden mit der Liebe, die da die Botschaft unseres Herrn Jesus Christus ist und immer bleiben wird.

Amen

© 1996 by Gerd E. Gmelin

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