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Josele

Aus der Reihe: Die etwas andere Weihnachtsgeschichte:


»Der tapfere Josele«

(von Gerd Erich Gmelin)

Eigentlich hieß er ja Joseph - nach dem ehrbaren Handwerksmann, welcher einst der Vater unseres Herrn Jesus gewesen ist -, aber schon als er noch in der Wiege lag, nannten ihn alle liebevoll »Josele«. Er war das siebente von neun Geschwistern gewesen, die wie die Orgelpfeifen aufwuchsen - und wenn am Sonntag Morgen lange vor dem Kirchgang alle neune auf dem uralten gepflasterten Hof um die Pumpe versammelt waren und das Seifenstück die Runde machte, hätte manch einer zum ersten Mal in seinem Leben sehen können, welch segensreicher Hort solch eine Familie sein kann.

Auch wenn Josele noch zwei jüngere Geschwister hatte, so blieb er doch in den Augen seiner Schwestern und Brüder der Kleinste. War es der Zauber, der über der Zahl Sieben liegt? »Die sieben Schwäne«, »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, das siebente Geißlein, welches Rettung bringt, der Schöpfer aller Dinge, der am siebenten Tage ruht, da er sieht, dass alles gut ist ..., wie auch immer, Josele war anders als alle seine Geschwister.

Wie er heranwuchs, so konnte man bald erkennen, dass er ein vierschrötiger Kerl - wie man so sagt - zu werden sich anschickte. In allem war er langsamer und bedächtiger, ja, manches Mal kam alles durcheinander durch seine gemächliche Gangart, sein Immer-wieder-Innehalten. In solchen Augenblicken schien er in weite innere Fernen zu lauschen, und ein heimlicher Schimmer huschte über seine schwerfälligen und groben Gesichtszüge, bevor er wieder nach außen trat und der Welt ihren Tribut zollte.

So galt er schon früh als ein Sonderling, als einer, der gerade noch einmal daran vorbeigekommen ist, nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Trotzdem er nun nicht in das geschäftige Getriebe der Welt sich einreihen mochte und konnte und solcherart oft zum Hemmschuh für die anderen wurde, konnte ihm doch keiner so richtig böse sein.

Es ist, wie es ist. Dem einen ist es gegeben, ein kluger Kopf im Rechnen zu sein - und dabei stockunmusikalisch, der andere kann zwar nicht tanzen, aber tröstet jeden Kummer mit einer kleinen Geste, einem stillen Wort, seiner Hand auf Deinem Arm. Und so hatte der Herr allen Lebens unserem Josele nur eine einzige Gabe in die Wiege gelegt - eine Gabe, die fürwahr nicht der geringsten eine ist, und um diese zu erlangen ungezählte Menschen ein Leben lang ringen müssen - oft ohne nennenswerte Fortschritte ... Josele besaß die Kraft der Unterscheidung - und ein gütiges Schicksal verhinderte es, dass er jemals wirklich darum wissen würde.

Wegen seiner zahlreichen Unvermögen hatte er keinen Anteil an dem endlosen Verwirrspiel dieser Welt der Vorstellungen, weder am Urteilen noch am Vergleichen, Für-gut-oder-schlecht-Befinden, Für-richtig-oder-falsch-Halten ... Nein, das alles konnte er nicht und so fehlte ihm auch jeglicher Vergleich, der es ihm ermöglicht hätte, zu erkennen, wo er selber stand. Er war, wie er war, und wenn Josele mit dem Kopf nickte, dann konnte man wirklich ganz sicher sein, dass das, was er gesehen oder vernommen hatte, die reine Wahrheit sein musste.

Sein ältester Bruder, der es zunächst zum Advokaten gebracht hatte, der dann aber ein hochangesehener Richter geworden war, bat Josele oft, ihm als Beisitzer zu helfen, wobei er nichts anderes zu tun hatte, als dann mit dem Kopf zu nicken, wenn einer der zahlreichen Sünder, die jeden Tag dem Gericht vorgeführt werden, ausnahmsweise einmal wirklich die Wahrheit sagte.

Sonst war Josele meist im Wald. Da er zu keinem der gewöhnlichen Berufe getaugt hatte, war er schließlich beim Förster seines Heimatdorfes untergekommen. Voller Hingabe pflegte er die jungen Pflanzungen, sammelte abgefallene Äste für den Kachelofen im Forsthaus und fütterte im schneereichen Winter die Tiere des Waldes mit Heu, Kastanien und Eicheln, die er im Herbst eingesammelt hatte. Oft vergaß er dabei die Zeit und merkte erst zur Dämmerstunde, dass er vom jungen Morgen an den ganzen Tag über zwischen den alten Bäumen gestanden hatte, ihrer langsamen Sprache zu lauschen. Der Förster, welcher ein gutes Herz hatte, schmunzelte dann in sich hinein und drückte oft genug beide Augen zu, wenn es um Josele ging.

Mit seiner besonderen Gabe fing Josele eigentlich nichts an, nur dass er ab und zu, wenn er ein krankes Tier im Wald gefunden hatte, dieses auf seinen starken Armen zum großen Einödhof trug, wo neben dem Forstamt auch der Viechdoktor - wie man bei uns sagt - seine Bleibe gefunden hatte. Josele half ihm, wann immer es nötig war, und unter seiner Pflege wurden die kleinen und großen Patienten schneller gesund als es der Doktor eigentlich erwartete. Kam ein neuer Patient, deutete Josele meist nur stumm auf diejenige Stelle am Körper des kranken Tieres, an welcher sich die Wurzel der Krankheit verbarg, oder er griff einfach nach einer der zahlreichen Medikamentenflaschen aus des Doktors Apotheke und gab sie dem Arzt. Der konnte sicher sein, dass Josele das einzige Mittel ausgewählt hatte, das in diesem Falle half. Josele hatte immer recht - auch dann, wenn keine Hilfe mehr möglich war. Da konnte der Doktor machen, was er wollte: Wenn Josele einmal den Kopf geschüttelt hatte, versagte auch jede ärztliche Kunst.

Mit den Menschen war Josele im Laufe der Jahre ansonsten sehr vorsichtig geworden. Kaum einer wollte die Wahrheit über sich selbst erfahren, auch wenn Josele dies nicht wortreich hätte tun können. Doch selbst mit einer kleinen Geste, einem Kopfnicken, einem fragenden Blick konnte Josele die Menschen im Mark berühren, und mancher flüchtete vor seinem eigenen Antlitz, das ihm Josele für einen Augenblick enthüllt hatte. Wie gut, dass er allgemein als einfältig galt, denn sonst wäre er am Ende noch trotz aller Aufgeklärtheit unseres Jahrhunderts der Hexerei angeklagt worden.

Doch unzählige Male konnte er auch hier helfen. Viele erinnerten sich an eine Art feinen Wind, der über sie hinstrich, während sich Josele ihren Kummer anhörte - und mit einem Mal war ihnen so sehr leicht ums Herz. Er gab ihnen keine Ratschläge, er führte keine Behandlungen durch, nein, er war einfach nur da für sie, und aus ihrem Gemüte wich die Schwere, das Gewicht der Vorstellungen und Ängste löste sich auf, ihr eigener innerer Quell begann wieder zu strömen und nährte ihr Lebenslicht. Wenn gar ein junges Mädchen voller Liebeskummer sein Herz bei ihm ausschüttete, dann leuchteten seine Augen, denn dem fraulichen Wesen war er auf besondere Weise zugeneigt. Oft sah er ihnen nach und murmelte leise ihre Namen. Es war immer derselbe: »Maria«.

Eines Abends, zu der Zeit, da die ersten scharfen Nachfröste alle Pfützen und Teiche zufrieren lassen und der Weihnachtsabend nicht mehr fern ist, geschah es, dass Josele, als er noch einmal nach den kranken Tieren sah, in der Ferne die hüpfenden Lichtfunken vieler Fackeln erblickte, die sich nach dem Dorfteich bewegten. Mit Bedacht nahm er Abschied von den stummen Freunden, warf sich den alten Mantel über und eilte mit großen Schritten dem Ort des Geschehens zu. Schon von weitem hörte er das Jammern und die Hilferufe der Dorfbewohner. Mit viel zu kurzen Leitern versuchten sie auf die noch dünne Eisdecke hinauszugelangen, hin zu der Stelle, an der ein gezacktes Loch im Eis den grausamen Boten des Unglücks spielte. In der Unbekümmertheit ihrer sieben Lenze war das bezaubernde Töchterlein des Dorflehrers auf das Eis hinausgehüpft und schließlich an jener Stelle eingebrochen. Josele hatte das Ufer erreicht. Niemand sah, wie er mit Tränen in den Augen den Kopf schüttelte. »Josele, Josele, so hilf uns doch!«

Mit einem großen Erbarmen fühlte er die Not der Menschen, die um dieses so besondere Kind bangten und hofften. Da trat Josele auf das Eis hinaus - und es hielt. Er ging wie im Traum, wo alles so leicht ist, bis hin zu der geborstenen Stelle. Das Kind war nicht zu sehen. Die Strömung des Baches, welcher den Teich speist, hatte es wohl unter der Eisdecke davongetrieben. Josele blickte auf zu den funkelnden Sternen, bis er den fand, den ihm sein Vater einst gezeigt hatte - den hellsten von allen. Da wurde es auch in ihm so hell, wie er es noch nie verspürt hatte. Im nächsten Moment riss die Eisdecke mit einem Knall quer über den ganzen Teich auf. Den vielstimmigen Schrei der Menschen am Ufer hörte Josele nicht mehr.

Als die Frühlingssonne die beiden aus ihrem eisigen Verließ befreite, lagen sie ganz dicht beieinander auf dem Grunde des Wassers. So hat man sie dann auch der geweihten Erde übergeben. Und die Leute sagten: Der tapfere Josele.  - Nein, nicht tapfer! - Er war, der er war.


Großvater schwieg stille und nahm die Brille ab, um sie auf seine so umständliche Art mit dem großen roten Taschentuch zu putzen. Ich nahm seine starke alte Hand zwischen meine beiden kleinen und fragte: »Großvater, ist der Josele in den Himmel gekommen?« Großvater lächelte um die Nase herum, als er mir anstelle einer Antwort liebevoll über die Haare strich. Später dann, als er mir Gute Nacht sagte, nahm er mich in den Arm: »Noch siebenmal Schlafengehen, dann ist die heilige Nacht ...«

© 1997 by Gerd E. Gmelin

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