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Newil und das kleine Fest

Aus der Reihe: Die etwas andere Weihnachtsgeschichte:


»Newil und das kleine Fest«

(von Gerd Erich Gmelin)

Wie Newil eigentlich mit Nachnamen hieß, das weiß ich nicht. Aber schon sein Rufname war derart gegen jegliche Verwechselung gefeit, dass keiner es jemals für nötig gehalten hatte, sich besonders um den Familiennamen zu kümmern. Bereits Newils Vater hatte Newil geheißen, der Großvater zuvor ebenfalls. Wann wohl der erste seiner Vorfahren diesen Namen erhalten hatte und warum, das wussten nicht einmal die Newils selbst. Und für unsere Geschichte ist es von nur geringfügiger Bedeutung ...

Wenn auch kein Nachname im allgemeinen Bewusstsein verankert war, so schmückte doch den Vornamen ein besonderes Attribut, denn alle nannten ihn den »reichen Newil« - wie schon Vater und Großvater vor ihm. Ja, der Newil war reich - sehr reich sogar. Wie allen seinen Ahnen war auch ihm der Reichtum unaufgefordert in die Wiege gelegt worden. Nicht über alle Maßen reich waren die Newils durch die Zeit gewesen, doch zumindest so hinlänglich, dass ihnen das Geld rascher zuwuchs als dass sie es je hätten sinnvoll ausgeben können.

Über die Gabe, Geld sinnvoll auszugeben, will ich mich hier erst gar nicht auslassen. Das erfordert nämlich eine so hochentwickelte Kunstfertigkeit, dass es kaum jemals ein Mensch wirklich in Vollendung zuwege gebracht hat. Nicht einmal die Ärmsten der Armen haben in der Weltgeschichte hier wirklich Großes geleistet - und das, wo sie doch über den besten Lehrmeister verfügen, der jemals durch die Welt gezogen ist, um die Menschen wahrlich gründlich zu unterweisen - Bruder Not!

Doch! - Es ist wohl schwierig, als ein Reicher durch die Welt zu gehen - wo einem der Reichtum in den wichtigen Dingen bekanntermaßen eher hinderlich ist als dass er hilft und bewahrt. So hatte eine tückische Krankheit schon früh den Newils die junge und hübsche Frau und Mutter genommen. So viele Ärzte Vater Newil auch herbeirufen ließ - man kann ihnen vorwerfen, was man will, billig war keiner von ihnen -, niemand konnte Clara auch nur einmal die Schmerzen lindern, geschweige denn sie gesünder machen, so dass erst der treueste Freund der Menschen sie von ihrem Leid befreien konnte - indem er das Tuch des ewigen Friedens still über sie  breitete. Da war der jüngste reiche Newil gerade erst einmal sechs Jahre alt geworden.

Vater Newil hatte der Tod seiner schönen jungen Frau zutiefst getroffen - ja, es war vermutlich überhaupt das erste Erlebnis in seinem Leben gewesen, das ihn in seinem innersten Wesen berührt haben mochte. Zum Berufsoffizier erzogen hatte man ihn - da lässt man nichts an sich heran, nicht einmal die Geburt des eigenen Sohnes! Gelernt hatte er, dass es Ehre gibt - doch nicht, worin sie sich von Kälte und Menschenverachtung unterscheidet! Zu kämpfen und die Kriegsmaschinen zu erfinden hatte man ihm gezeigt - doch nicht, was es bedeutet, einer Familie den geliebten Vater wegzumorden.

Auch hatte er eigentlich nie etwas wirklich »Richtiges« tun dürfen: Eine Pflanze zur Blüte und in gute Frucht pflegen - dafür gab es doch den Gärtner. Das dritte Brett von unten am Schafgatter ersetzen, welches der alte Schafbock mit seiner Urkraft immer wieder zerknallte, wenn es ihn nach den weggesperrten Muttern trieb - das machte doch seit jeher der Knecht vom Rainthaller Hof.

Aber doch! - Einmal hatte er das in Öl verewigte Portrait seiner Mutter an einem passenderen Platz aufhängen wollen - damals, als sein Gesicht gerade vom ersten Mannesflaum eingerahmt war -, aber dabei hatte er sich mangels Übung entsetzlich auf den Daumen gehauen und das Bild war außerordentlich unsanft zu Boden gegangen. Seitdem steckte Mutter etwas »verzerrt« in ihrem schwülstig-barock verzierten Rahmen. Großvater Newil hatte nur den Kopf geschüttelt und nach dem Hausdiener geläutet. Und der damals noch junge Vater Newil hatte später nie mehr so etwas zu tun versucht.

Dass er schließlich überhaupt eine Frau - und dazu noch eine solch schöne und gutherzige - abbekommen hatte, grenzte eigentlich an ein Wunder, wo doch vor allem leichtfertiges und nach dem Gelde schielendes Weibervolk sich solchen Jungesellen »anwanzt«, wie man hier mancherorts im Volksmund zu sagen pflegt. Da spielt es gewöhnlich nur eine geringe Rolle, wie schön, wie charaktervoll oder gar begabt der »Erwählte« ist. Hauptsache, er ist reich, besser noch, er ist reich und schon sehr alt ...

Herzensnot kann mitunter die Gesinnung eines Menschen wandeln - wenn dies auch meist nur von recht kurzer Dauer sein soll. Vater Newil machte aus solch einem Moment schmerzgeborener Erleuchtung heraus seinen Reichtum für das ihm widerfahrene Unglück verantwortlich. Sein Entschluss, diesen üblen Umstand für alle Zukunft zu beseitigen, stand fest. Er mochte beileibe nicht länger reich sein, wollte vielmehr alles hergeben - den Armen die Not ersparen, den Kranken die besten Ärzte zukommen lassen, den Waisen ein Heim geben und den Gestrauchelten - den Missetätern unter den zivilisierten Menschen - den Rückweg in ein ehrbares Dasein ebnen. Ja, das alles wollte er - hingebungsvoll!

Ach - wie sehr nur ist er mit diesem guten Wollen gescheitert! Die Betreuer der heimatlosen Kinder raunten etwas von »Sklaven kaufen«, die Strafentlassenen fürchteten, in ein weit schlimmeres Gefängnis der abgenötigten Dankbarkeit und des Wohlverhaltens zu geraten als es der »Knast« ist, dem sie doch soeben erst entronnen waren. Die Armen sagten: »Das macht er nur, weil er wegen irgend etwas ein schlechtes Gewissen hat - da wollen wir nicht mit hineingezogen werden!« Und die Kranken - ja gar die Kränkesten unter den Kranken fürchteten bloß, dass man an ihnen, den Wehrlosen, letztlich nur neue Medikamente ausprobieren wollte, die der reiche Vater Newil dann verkaufen würde. - Und die Reichen? Die sagten, er sei jetzt wohl vollkommen verrückt geworden, und man müsse ihn schnellstens entmündigen, damit er ja keinen weiteren Unfug anstellt.

Dem jungen reichen Newil, der inzwischen alt genug geworden war, um die Verwaltung des Besitzes selbst in die Hand nehmen zu können, setzte man seitens der Verwandtschaft und der sogenannten »besseren Kreise« derart zu, dass er schließlich nichts anderes zu tun wusste, als den Vater aller seiner Pflichten und Rechte zu entbinden, woraufhin sich dieser für den Rest seines Lebens in das hintere Turmzimmer der Villa zurückzog, kaum noch mit den Menschen sprach und schließlich selbst innerlich völlig verstummte. Als er eines Tages »fast unbeachtet« gestorben war, legte man ihn ins Grab zu seiner Frau.

Offiziere hatte es nicht mehr gebraucht in jener Zeit, also hatte der junge Newil nicht einmal mehr solch einen Beruf erlernt. Da der Staat jedoch in diesen Friedenszeiten mittlerweile immer mehr Macht bekommen hatte, war Newil schließlich gezwungen, etwas mehr über das Geld zu lernen, damit es ihm nicht von den gewählten Vertretern des Volkes - also auch seinen eigenen Treuhändern - mit List und Tücke abgepresst werden konnte. Und er hatte einen guten Lehrer - einen, der nicht nur rechnen konnte, sondern auch philosophisch bewandert war - wie er sich selbst vorteilhaft anpries. Bedeutungsvoll unterstrich dieser, dass Geld das »Blut« des Volkes sei, dass es unbedingt in Bewegung bleiben müsse und letztlich, solange es ständig den Besitzer wechsele, mehr als nur ein Sinnbild von Lebenskraft sei - das alles hätte er irgendwo einmal gelesen und das hätte ihm endlich jegliches schlechte Gewissen bei seinen Geldgeschäften genommen ...

So verbrachte der junge reiche Newil sein Leben ähnlich wie die Newils vor ihm damit, praktisch nichts zu tun als fortwährend mehr oder weniger kunstfertig die Weichen auf dem großen Verschiebebahnhof der »Geldwirklichkeit« zu seinem Vorteil zu stellen. Und so wurde schließlich auch er immer älter. Zum Todestag seiner Mutter hatte er es sich über die Jahre hinweg zur Gewohnheit gemacht, nach dem obligatorischen Besuch des Grabes noch einen ausgedehnten Spaziergang durch den großen Stadtpark zu machen, der dann fast immer schneebedeckt lag - am Dreikönigstag ist das wohl nur wenig verwunderlich.

Heute, am sechzigsten Todestag der Mutter, war es ein wenig später geworden als sonst, dass er von zu Hause loskam, denn es plagte ihn die Gicht nicht gerade wenig, und Alfred, sein treuer Helfer im Hause, hatte ihm erst noch ausgiebig die Gelenke mit Franzbranntwein heißmassieren müssen. So war es bereits dunkel, als er von Mutters Grab aus in Richtung Stadtpark aufbrach.

Kurz vor dem Eingang zum Park mit dem seit Jahrzehnten unangenehm kreischenden Drehkreuz - das hatten einmal die Stadtväter in der absurden Hoffnung aufgestellt, man könne damit die jugendlichen Mopedfahrer daran hindern, im Park ihr grauses Werk an Wegen, Böschungen und Pflanzen zu verrichten -, kurz vor diesem Eingang also stehen zwei uralte hölzerne Bretterbuden, die an heißen Sommertagen dem Wirt von nebenan als Ausschank für kühle Getränke dienen, mittels derer berechnend erhöhten Preise er den durstigen Spaziergängern das Geld aus der Tasche zu ziehen sucht. Aus einer dieser Buden schimmerte ein schwaches Licht, was zu dieser Jahreszeit mehr als ungewöhnlich war.

Newil trat etwas sachter auf und wich erstmals in all den Jahren um ein Geringes von seiner gewohnten Route ab. Er näherte sich dem baufälligen Verschlag gerade so weit, dass er durch eine klaffende Bretterfuge hineinsehen konnte. Und dann trat er - auf einmal mit Herzklopfen - noch näher heran, um gar hören zu können, was der alte Mann und die alte Frau einander zu sagen hatten. Auf Packen längst zu Ende gelesener Zeitungen saßen sie, die löcherigen Mäntel mit zerknüllten Papierresten ausgestopft, vor sich auf dem Boden viele brennende und auch bereits verloschene Kerzenstummel - offensichtlich aus der Abfalltonne der nahen Heiligkreuzkirche gerettet - und suchten so der lausigen Kälte zu trotzen.

Seltsam, dachte Newil, warum sind die beiden nicht zwei Straßen weiter im städtischen Obdachlosenheim, wo doch für sie gesorgt wäre. - Das Obdachlosenheim hatte sein Vater damals einfach gekauft und zudem eine Stiftung gegründet, aus deren Erträgen die Einrichtung auf ewige Zeiten versorgt sein würde, ob sie es nun akzeptierten oder nicht! - Gerade wollte Newil vernehmlich an die Bretterwand klopfen und den beiden »heimlichen« Leuten den Weg dorthin weisen, als er unter ihren Worten innehielt und wie unter einem inneren Zwang hinhören musste.

»Ach«, sagten sie, »wie schön ist es doch, dass wir nicht im Asyl sein müssen, wo zwar der Leib regelmäßig genährt, die leidlich warme Zudecke einmal täglich gewendet und die Seele aus dem ewig dröhnenden Gemeinschaftsfernseher zugestopft wird ... Ach, wie schön ist es doch, dass wir einander gefunden haben, wo wir doch - jeder auf seine Weise - so viele Jahrzehnte einsam durch die Welt geirrt sind ... Wie schön ist es doch, dass wir diese kleinen festlichen Lichtlein gefunden haben, auch wenn sie gleich wieder erlöschen müssen, so wie wir selbst bald erlöschen werden ... Wie schön ist es doch, dass auch wir wirklich gebrannt haben, bevor unser Lebensdocht zu kurz geworden ist und kein lichtspeisendes Wachs mehr nachfließen will.« So ähnlich klangen ihre Worte und sie hielten einander an den knochigen, unter der Kälte graufahlen Händen.

Newil war von einer Empfindung angerührt, die - ja, wie sollte er es nur benennen - wohl etwas Heiliges in ihm zum Klingen brachte. Er, der es sich geschworen hatte, niemals so etwas Törichtes versuchen zu wollen wie einst sein unseliger Vater - um nicht zum Gespött der anderen Reichen zu werden, auch wenn er praktisch nie mit jemandem aus diesen Kreisen zusammentraf -, gerade er empfand jetzt den Wunsch, den beiden Alten zu helfen. In einer inneren Aufwallung wollte er wiederum klopfen und sie bitten, seine Gäste zu sein, ohne jegliche Verpflichtung natürlich - Albert wüsste sicher, was zu tun sei -, aber da fragte etwas tief in ihm selbst, was er denn wohl mehr zu bieten hätte als das, was die beiden bereits besäßen.

Da flog es ihn wie ein Hauch von Erkenntnis an. Ja, sie hatten wohl alles, was ein Mensch zutiefst braucht und je wirklich haben kann: Liebe, Achtung, tiefen Glauben und die Ewigkeit des Augenblicks. Tief betroffen und voller Scheu zog sich Newil ganz leise zurück - um dieses kleine Fest nicht zu stören. Mehr als das durfte er wohl nicht dazu beisteuern - um es zu bewahren! Und niemals würde er - der er doch unerkannt daran hatte teilhaben dürfen - diesen Augenblick vergessen.

Auf dem Heimweg stürzte Newil schwer. Er hatte - innerlich noch ganz bei den Alten - nicht recht aufgepasst und war auf einer vom Streudienst wohl unbeachtet gebliebenen Eisplatte ausgerutscht. Das gebrochene Bein war nicht weiter schlimm, auch fand ihn glücklicherweise der Parkwächter bei seinem ausnahmsweise zusätzlichen mitternächtlichen Rundgang, so dass er außer einer leichten Unterkühlung ansonsten nicht einmal eine Erkältung davontrug. Die Gehirnerschütterung aber wäre wohl besser nicht auf die leichte Schulter genommen worden, denn als er schließlich leidlich genesen war, wollten ihm die Worte nicht mehr so recht über die Lippen kommen - und so verstummte schließlich auch er eines Tages gänzlich, wenngleich in anderer Weise als einst sein Vater.

Albert, der treue Freund und Diener, übernahm an seiner Statt weitestgehend die Verwaltung des riesigen Vermögens - ab und an ein paar Unterschriften, mehr musste Newil selbst nicht mehr leisten. Daneben schrieb er nur noch selten und mit leidlich zitteriger Hand - auch das hatte anscheinend bei dem Sturz gelitten - den einen oder anderen persönlichen Brief. Stattdessen las er jetzt sehr viel mehr als früher. Er suchte überall dasjenige beschrieben zu finden, was er in jener Nacht so unmittelbar miterlebt hatte. Er wollte mehr davon wissen, wollte es ergründen - gerade er, der doch ein Leben lang letztlich allein geblieben war mit all seinem Reichtum.

Am letzten Weihnachtstag, den er erleben sollte - es war sein vierundachtzigster - schmückte Newil erstmals persönlich den Christbaum. Albert war schon fast zwei Jahre zuvor für immer fortgegangen und Newil hatte es sich damals nicht nehmen lassen, den treuen Weggefährten - immerhin hatte Albert mehr als sechtzig Jahre bei den Newils im Dienst gestanden und dabei in einer hohen Berufsauffassung sowohl auf Familie als auch Rang in der Welt völlig verzichtet - im eigenen Familiengrab beisetzen zu lassen.

Die entfernten Verwandten, die im Vorjahr unangekündigt zu Weihnachten über ihn »hereingebrochen« waren, blieben diesmal glücklicherweise aus. Geld hatten sie ja eigentlich selbst genug, und solch ein stummer Newil - nein, das war doch gar zu langweilig und sinnlos! Rüstig genug war er ja noch - so musste man schließlich kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich einfach nicht mehr um ihn kümmerte ...

Die glänzenden mundgeblasenen Christbaumkugeln hatte der treue Albert wohl schon vor Jahren ins hinterste Eck des alten hölzernen Ladens aus Urgroßvaters Zeiten verstaut. Man erkannte das daran, wie ausgebleicht trotz der relativen Dunkelheit des Ortes das Zeitungspapier war, in das er sie zum Schutz vor Beschädigung sorgsam gewickelt hatte, je 4 Stück in eine Doppelseite - und nach Farben sortiert.

Als Newil die blauen ausgepackt und das Zeitungspapier umständlichst glattgestrichen hatte, um es besser zusammenlegen zu können, fiel sein Blick zufällig auf eine Bildunterschrift - das Bild war weitgehend abgerissen, so dass man nicht erkennen konnte, was darauf zu sehen gewesen war. Es war die Abendausgabe der Stadtnachrichten vom 7. Januar vor nun genau achtzehn Jahren. Newil legte das Blatt zunächst einmal beiseite, denn es war ihm einfach zu beschwerlich, die verblasste Schrift ohne Lesebrille entziffern zu wollen. Als dann aber am Abend der Weihnachtsbaum fertig geschmückt stand und die Lichter auf diese so besondere Weise still brannten, wie es nur die Weihnachtsbaumkerzen tun, nahm er in seinem vertrauten ledernen Ohrensessel Platz, rückte umständlich das Augenglas zurecht und las folgende Meldung: »Heute morgen fand der Hund eines Spaziergängers in einem Bretterverschlag neben dem Zugang zum Stadtpark die Leichen zweier Landstreicher, welche offenbar in der Nacht erfroren sind.«

In dem Bericht neben dem Bild, der ebenfalls nicht vollständig erhalten war, anscheinend aber dazugehörte, las er weiter. » ... handelt es sich um eine sehr alte Frau und einen ebenso alten Mann, deren Identität noch unbekannt ist. Offenbar haben die beiden vorher noch die nahegelegene Heiligkreuzkirche bestohlen. Man fand zahlreiche Reste von Kerzen, die genau denselben Durchmesser aufweisen wie diejenigen, welche in der Kirche verwendet werden. Anderes Diebesgut fand sich nicht bei den beiden, der Küster meldete auch sonst nichts als vermisst an. Trotzdem hat der Kirchenvorstand erneut gefordert, die Kirche künftig bereits bei Einbruch der Dunkelheit abschließen zu lassen. Pfarrvikar Schallner wird sich dieser Auffassung auf Dauer wohl nicht widersetzen können. Da die beiden Erfrorenen die öffentlichen Einrichtungen für Obdachlose gemieden haben, geht die Polizei davon aus, dass sie eine Straftat zu verbergen hatten. Ein anderer Grund für solch ein irrationales Verhalten sei schlichtweg nicht vorstellbar. Sachdienliche Hinweise zur Identifizierung der Toten nimmt jedes Polizeirevier entgegen.« Soweit dieser Bericht.

Links unterhalb dann noch eine Kurznotiz: »Im Stadtpark ist gestern abend ein Mann schwer gestürzt. Nur dem Parkwächter ist es zu verdanken, dass der Mann nicht erfroren ist. Er fand ihn bei einem späten Rundgang und verständigte sofort den Rettungsdienst. Bürgermeister Hagenmiller hat bereits heute vormittag angekündigt, bei der nächsten Ratsversammlung eine öffentliche Belobigung für die vorbildliche Dienstauffassung des Beamten auszusprechen.«

Newil schaute zurück - ganz weit. Und auf einmal sah er die Kerzen der beiden Alten in dem Bretterverschlag, die Zeitungsstapel, die ausgestopften Mäntel wieder ganz genau vor sich und er hörte die glücklichen greisen Stimmen, die einander die ewige Liebe gelobten. Und er war ihnen so nahe wie damals. Und Newil erkannte, dass die wirklichen Dinge ganz nah sind und niemals enden, auch wenn alle Welt vergehen würde. Und als er das erkannt hatte, schlief Newil ein - für immer.

Einige Tage später fand man ihn in seinem Sessel, und es lag wie ein Hauch von einem Lächeln auf seinen Wangen. Wie jedes Jahr um diese Zeit hatte der Wasserzähler abgelesen werden sollen und der städtische Wasser-Ableser drei Tage lang vergeblich an Newils Tor geläutet.

Wie durch ein Wunder waren die Weihnachtskerzen am Heiligen Abend alle ganz leise ausgegangen und der Christbaum hatte nicht zu brennen angefangen.

© 1998 by Gerd E. Gmelin

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