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Omaja

Aus der Reihe: Die etwas andere Weihnachtsgeschichte:


»Omaja«

(von Gerd Erich Gmelin)

Omaja war mit den Jahren eine gütige alte Dame geworden. Eigentlich hieß sie ja Maria, aber seit damals ihre kleine Enkeltochter Franziska zu sprechen angefangen hatte, nannten sie alle nur noch Omaja. In jener schrecklichen Bombennacht hatte sie als einzige in der ganzen Straße das grausige Werk der Zerstörung wie durch ein Wunder unversehrt überlebt. Zwei ihrer vier Kinder blieben in den Trümmern. Agnes, ihre jüngste Tochter, war zu dieser Zeit in Ferien bei Tante Gerti in Oberursel und wurde verschont. Martin mit seinen fünfzehn jungen Jahren hatten sie ein paar Tage vorher abgeholt und mit der letzten Reserve an die Westfront geworfen. Wochen später kam die Kapitulation. Klaus, ihr geliebter Mann, blieb in der sibirischen Taiga. Kälte, Hunger und die Wunden ließen seinen Weg dort zu Ende gehen. Viele Jahre später kam der Brief einer Nachforschungsstelle mit dem verblassten Foto eines schier endlosen Gräberfeldes. Das lag nun vorne in ihrem Tagebuch. Mehr war ihr von Klaus nicht geblieben.

Omaja war nicht etwa eine jener Frauen, die man als Kirchgängerin bezeichnet. Doch suchte sie oft die Stille des großen Kuppelraumes auf - dann, wenn alle anderen schon wieder gegangen waren. Man konnte dort auf so besondere Weise zur Besinnung kommen, und die Gebete des Herzens blühten dort in anderer Weise auf als in der geschäftigen häuslichen Umgebung. Jeden Sonntag, wenn nach der Messe der Weihrauch wie ein fernes Echo im Gewölbe hing, kam sie durch die Nebentüre im Seitenschiff und suchte ihren Platz an dem kleinen Tisch ganz hinten, wo immer die Hirtenbriefe ausliegen. Und jedesmal öffnete sie nach einer Zeit der Stille und Besinnung ihre altmodische schwarze Handtasche und holte einen Briefblock und den abgegriffenen Füllfederhalter aus Jungmädchentagen heraus und legte sie vor sich hin auf den Tisch. Und sie schrieb an Martin, ihren Sohn, der schon als Schuljunge seinem Vater so sehr ähnlich gewesen war. Omaja hatte nach dem Kriege nach Martin suchen lassen und nach einer langen Zeit geduldigen Wartens erfahren, dass er in amerikanische Kreigsgefangenschaft geraten war und nun mit seiner Familie in Missouri lebte. Eine Adresse hatte sie auch bekommen. Und so schrieb sie jede Woche einen Brief an Martin und öffnete ihm auf diesem Wege ihr Herz.

Langsam und mit Bedacht fügte sie die Buchstaben, jedes Wort und jeder Gedanke waren ihr wie ein kostbares Gut, das nicht achtlos einfach so hingeschrieben werden konnte. Auf dem Heimweg dann nahm sie den kleinen Umweg, der sie am Briefkasten vorbeiführte und warf den Brief ein, nicht ohne ihn vorher noch einmal fest an ihr Herz gedrückt zu haben. Es war einer jener alten Briefkästen, gusseisern und mit reliefartigen an die Zeit des Jugendstils erinnernden Verzierungen, deren goldbronzener Glanz jedoch längst ein Opfer des Regens und der Zeit geworden war. Dieses Fossil hatten nicht nur die Zerstörungen des Krieges unbehelligt gelassen, auch der Fortschritt des Postwesens war unbemerkt an ihm vorübergegangen, was in dem ärmlichen Stadtviertel jedoch kaum ein Wunder genannt werden konnte.

So gingen die Jahre dahin - doch Martin antwortete nicht ein einziges Mal. Omaja hatte anfangs jeden Tag fieberhaft auf das Eintreffen des Postboten gewartet, doch mit der Zeit gewöhnte sie sich daran, dass er nie einen Brief von Martin dabei hatte. Um ihrer Enttäuschung Herr zu werden, erfand sie schließlich immer neue Entschuldigungen und Gründe, warum Martin wohl diesmal nicht dazu kam, ihr zu antworten. Einmal war es die viele Arbeit, vielleicht war auch eines seiner Kinder krank, möglicherweise war er viel auf Reisen und ähnliches mehr.

Ferdinand traf Omaja oft auf seinen regelmäßigen Sonntagsspaziergängen, die er sich zur Belebung seines Rentnerdaseins selbst verordnet hatte. Es war fast immer an der gleichen Stelle, dass sich die beiden begegneten, so sehr im Gleichmaß verlief ihr Leben. Ferdinand hatte vor Jahren einen kleinen Dackel in Pflege genommen, der von einem Auto angefahren worden war und seitdem hinkte. Das war gut so, denn Ferdinand war mittlerweile auch nicht mehr so gut zu Fuß wie er es in nahezu vierzig Jahren Dienst als Postbote gewesen war. Als der kleine Hund schließlich sein Alter erreicht hatte und Ferdinand alleine zurückließ, mochte sich dieser keinen anderen Hund mehr zum Gefährten seiner einsamen Tage zulegen, um nicht noch einmal einen solch schmerzlichen Abschied erleben zu müssen, und so ging er von da an nur noch alleine. Ohne den Hund war er nun freier in der Wahl seines Tempos und je nach Gefühlslage schritt er mehr oder weniger rüstig aus.

So geschah es an einem Sonntag, dass er, gerade als er um die Ecke zur »Besengasse« mit ihren alten schiefen Häusern bog, Omaja entdeckte, wie sie ihren allsonntäglichen Brief an Martin in besagten alten Briefkasten warf und dann rasch ihren Weg fortsetzte. Als sie einander näher kamen, brauste ein Sturm zwiespältiger Gedanken durch seinen Kopf. Sollte er Omaja ansprechen, was er in all den Jahren noch nie getan hatte - bis auf einen formellen freundlichen Gruß? Sollte er ihr, die er doch gar nicht wirklich kannte, nicht doch gleich sagen, dass dieser Briefkasten seit über dreißig Jahren nicht mehr geleert wurde . . . ? Nein, doch nicht jetzt gleich! Was, wenn die arme Frau seit Jahrzehnten . . . ? Wie sehr würde er sie verletzen durch solch eine unbedacht hingesprochene Tatsache? Ferdinand konnte sich nicht entscheiden, was zu tun sei. Schon waren sie auf gleicher Höhe und es blieb nur Raum für den gewohnten kurzen Gruß.

An diesem Abend fand Ferdinand keinen Schlaf, so tobten die Empfindungen in ihm. Es war schon lange nach Mitternacht, als er sich endlich wieder anzog und hinauf auf den Boden ging, wo er einigen alten Plunder -  fast alles Erinnerungsstücke aus seiner Dienstzeit - aufbewahrt hatte. Er brauchte bei der schlechten Beleuchtung lange, bis er in einem Schuhkarton mit allerlei Kleinzeug das fand, was er suchte. Es war ein klobiger Schlüssel, der zu dem großen Vierkant des alten Briefkastens passte und der schon damals von seinem Vorgänger im Amt in der Schreibtischschublade zurückgelassen worden war. Die alte Aktentasche stellte er wieder zurück, vielleicht war sie ja zu klein. Aber ein staubiger Postsack lag auch noch im Eck, den nahm er mit.

Als er beim Briefkasten angelangt war, zitterten seine Hände, als ob er einen Tresor aufbrechen sollte. Der Schlüssel passte wie erwartet und mit einiger Anstrengung ließ sich das verrostete Türchen öffnen. Es war ein geräumiger Briefkasten - und er war bis fast ganz oben hin voll, voll von Briefen, die alle gleich aussahen, mit der gleichen Handschrift, der gleichen Adresse. Er nahm sie alle mit, der Kasten sollte doch nicht voll werden. Er schickte sie nicht mehr ab - viele der alten Briefmarken waren inzwischen ungültig und seine karge Rente hätte es ihm auch nicht ermöglicht, so viele neue Briefmarken zu kaufen. Er forschte aber nach, was aus Martin geworden war.

Zu jener Zeit vermied er es, seinen Weg am Sonntag zu machen. Er wusste nicht, wie er Omaja hätte begegnen sollen. Als er schließlich Gewißheit hatte, dass Martin seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr lebte - er war bei einem Autounfall zu schwer verletzt worden -, stand sein Entschluss fest. Am darauffolgenden Sonntag ging er wieder die alte Strecke. Doch Omaja traf er nicht - und auch der alte Briefkasten stand nicht mehr an seinem Ort. Das Haus, an dessen Wand er sich so viele Jahrzehnte gelehnt hatte, war an das neue städtische Gasnetz angeschlossen worden, und so hatte auch er, der im Wege stand, endlich weichen müssen.

Ferdinand konnte den Dingen ihren Lauf nicht lassen, er musste nun selbst eingreifen. Omaja warf ja ihre Briefe mittlerweile in einen der gelben Kästen ein, wie sie an jeder zweiten Straßenecke hängen. Den Postvorsteher, einen verständnisvollen Mann, der bereit war, die Buchstaben seiner Vorschriften auch einmal zu übergehen, weihte er ein, und als der erste Brief aus Amerika mit dem Vermerk »Empfänger unbekannt« eintraf und dann all die anderen, die ihm noch folgten, wurden sie beiseite gelegt, und Ferdinand holte sie jede Woche ab.

Nachdem er seit jener Nacht durch den Absender auf den Briefumschlägen wusste, wo Omaja lebte, fasste er sich eines Sonntags ein Herz und stand am späten Nachmittag vor ihrer Tür. Aus den beiden alten alleinstehenden Menschen, die doch beide jeder für sich seinen Lebens-Rhythmus gefunden hatten, wurde schließlich noch ein Paar, erfüllt von gegenseitiger Achtung, Behutsamkeit und Fürsorge. In der Kirche setzte sich Ferdinand immer ganz nach vorn, um Omaja beim Schreiben nicht zu stören. Die Briefe sammelte er an einem verborgenen Ort, den keiner außer ihm kannte. - Und er wartete auf eine günstige Stunde, in der er den Mut finden würde, seiner Freundin die ganze Wahrheit zu offenbaren. Dann wurde Omaja aber so krank, dass erkennbar wurde, dass ihre Zeit zum Abschied nicht mehr fern war. Sie sprach jetzt immer öfter von Martin und Ferdinand musste ihr die Briefe schreiben, die sie ihm schließlich nur noch mit Mühe diktieren konnte.

Es war das Erbarmen in seinem Herzen, welches ihn schließlich allein in die Kirche führte. Der Platz, welcher Omaja so viele Jahrzehnte als Schreibtisch gedient hatte, war der rechte Ort für das, was Ferdinand jetzt tun musste. Nach einer Zeit der Besinnung und Stille nahm er Papier und Stift zur Hand und schrieb an die mittlerweile schon erblindete späte Liebe seines Lebens:

»Geliebte Mutter, hab' Dank für alle Deine herzlichen Briefe, durch die ich so sehr an Deinem Leben teilhaben durfte. Die Umstände haben es mir leider nicht erlaubt, Dir zu antworten. Ich will Dir aber sagen, dass es mir da, wo ich bin, gut geht und ich mich von Deiner Nähe umfangen weiß.

In Liebe, Dein Sohn Martin.«

Als Ferdinand nach Hause kam, ging er geradewegs zu Omaja hinein, den verschlossenen Brief in der Hand. Aus der Tür zu dem kleinen Zimmer aber kam ihm Agnes entgegen, die Augen voller Tränen. Ihrer Mutter hatte sie die Hände über dem Herzen gefaltet. Omaja hatte sich schon auf die Reise zu ihrem geliebten Jungen gemacht.

Die alten Briefe hat Ferdinand ungeöffnet den Flammen übergeben. Die Asche hat er eingesammelt und zusammen mit »Martins« Brief still in den offenen Sarg gelegt.

© 2000 by Gerd E. Gmelin

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